100 Tage Regenwetter

100 Tage regenwetter

Anna Benner

Berlin 2017/2020 • Videoprojektor, Stapelmonitor, 2 Mediaplayer

Eine Frau reibt sich die Schläfen. Sie weint. Kratzt mit den Fingernägeln. Starrt mit leerem Blick in die Luft. Wir folgen ihr durch Momente der Traurigkeit. Momente, die normalerweise sorgfältig versteckt werden. Eine Erklärung für ihre Tristesse bekommen wir nicht. Sie ist einfach da, sichtbar in kleinen Details und in den größeren, dramatischer anmutenden Gesten.
In ihrer Installation „100 Tage Regenwetter“ untersucht Anna Benner unseren Begriff von „Traurigkeit“, indem sie auf die kleinen, intimen Momente blickt, in denen sich die Trauer nach dem ungenannten Ereignis Bahn bricht, auf die bewussten und unbewussten Rituale, in welchen wir ihr Ausdruck verleihen.

Die von der Künstlerin gewählte Technik der Rotoskopie, das Nachzeichnen abgefilmter Szenen, führte im Entstehungsprozess der Arbeit zu einer spannenden Wechselwirkung: Im Augenblick der echten, unmittelbaren Emotion spontan aufgenommene Sequenzen bekamen durch die Präsenz der Kamera einen performativen Charakter, während gefilmte Momente, die zunächst performativ angelegt waren, plötzlich echte Traurigkeit auslösten. Durch das nachträgliche Überzeichnen des Videos werden kleine Bewegungen und Gesten, die im Prozess des Filmens unbewusst stattfanden, verstärkt und in der Abspaltung von ihrem Ursprung mit Bedeutung aufgeladen.

„Meistens habe ich mich selbst als Dienerin der Traurigkeit empfunden. Ich suche immer noch nach der Schönheit darin“, schreibt die amerikanische Dichterin, Gelehrte und Schriftstellerin Maggie Nelson in ihrem Buch „Bluets“ (Hanser Berlin, 2018). Das von Benner aufgegriffene Zitat beschreibt treffend die Essenz ihrer Installation: die Akzeptanz der Traurigkeit als notwendigen und wichtigen Teil unseres Lebens und das Erkennen der Schönheit, die in ihrem Ausdruck liegt.

www.annabennerstudio.com